In den letzten Tagen erreichen uns mehrere Stellungnahmen der Lehrerverbände und des Hauptpersonalrats zur öffentlich geführten Debatte über eine Methode, die als "Schreiben nach Gehör" bezeichnet wird und die von manchen für eine nachlassende Rechtschreibkompetenz der Schülerinnen und Schüler verantwortlich gemacht wird. Dies ist wirklich erstaunlich, denn eine Methode "Schreiben nach Gehör" gibt es so überhaupt nicht. In einer etwas genaueren Betrachtung ergibt sich folgendes Bild des (Recht-)Schreiblernprozesses:

 

  • Alphabetische (lautliche) Ebene: Es ist zunächst einmal unerlässlich, dass ein Kind den Zusammenhang zwischen einem Laut und einem Buchstaben erkennt und umsetzt. Ein Schreibanfänger hat ja überhaupt keine andere Möglichkeit, als von Lauten ausgehend nach den jeweils entsprechenden Buchstaben zu suchen. "Was hörst du denn am Anfang von 'Banane'?", ist eine Frage, die seit Jahrzehnten am Anfang des Schreibprozesses steht. Die völlig korrekte Antwort "Ein B" (kurz gesprochen als "b", nicht als "beee") ermöglicht es dem Kind, nach dem Buchstaben zu suchen, der der "b" repräsentiert. Man nennt den zugrunde liegenden Prozess eine Phonem-Graphem-Zuordnung. Wörter, die sich wie "Banane" aus diesen Laut-Buchstaben-Kombinationen korrekt bilden lassen, nennt man lautgetreu. Ein Kind, das diese Zuordnung beherrscht, kann bereits zahlreiche Wörter regelgerecht bilden und aufschreiben. Hierbei sind sogenannte "Anlauttabellen", auf denen z.B. das Bild eines Bären dem Buchstaben "B" zugeordnet sind, dem Kind eine große Hilfe. Kurz: "Schreiben nach Gehör" ist der Anfang jeden Schreibprozesses. Anders ist Schreibenlernen kaum vorstellbar.

  • Orthographische Ebene: Im zweiten Schritt muss ein Kind lernen, dass es auch zahlreiche Wörter gibt, die nicht lautgetreu, sondern nach bestimmten Regeln verschriftlicht werden. Hier sind vor allem folgende Bereiche gemeint:
    • Doppelmitlaute: Nach kurzen, betonten Vokalen kommt es zur Verdopplung von Mitlauten, z.B. bei "Tonne" oder "Sinn".
    • Dehnungen: Lange Selbstlaute werden bisweilen durch "ie", einen Doppel-Vokal oder ein "Dehnungs-h" gekennzeichnet.
    • Endungen: Manche Endungen wie "-er" oder _ig" werden wie "-ä" oder "i-ch", also mit anderen Lautierungen gesprochen.
    • Großschreibung: Satzanfänge und Nomen beginnen mit einem Großbuchstaben.
    • (...)

  • Morphematische Ebene: Weiterhin muss ein Kind lernen, dass bestimtme Schreibungen von den Wortstämmen abhängig sind. So schreibt man nicht "Beume", sondern "Bäume", weil die relevante Einzahl "Baum" heißt und das dort enthaltene "a" sich in ein "ä" verwandelt. Auch muss bei vielen Rechtschreibregeln immer der Wortstamm ("komm" für "kommen", "lass" für "lässig") in den Blick genommen werden. Was für diesen Wortstamm gilt, gilt auch für alle Flexionen und Ableitungen.

Es wird deutlich, dass der Erlernen der Rechtschreibung ein vielschichtiger Prozess ist, bei dem auch das "Schreiben nach Gehör" eines von drei Standbeinen ist. Wer "Schreiben nach Gehör" komplett verbieten möchte, würde letztlich ein Schreibenlernen unmöglich machen. Eine gleichnamige Methode, die ausschließlich auf die erste Ebene setzt, gibt es nicht.

An der Grundschule Edenkoben unterrichten wir als wissenschaftlich und didaktisch ausgebildete Fachleute Kinder auf allen drei oben genannten Ebenen mit dem Ziel einer möglichst großen und breiten Schreibkompetenz. Der Weg zu dieser Kompetenz ist ein bisweilen steiniger und langer. Er ist bis zum Ende der Grundschule nicht bei allen Kindern abgeschlossen. Auch gelangen Kinder - wie in allen anderen Lernbereichen auch - letztlich zu unterschiedlichen Endständen. Hilfreich für das einzelne Kind ist es, wenn LehrerInnen und Eltern es auf seinem Weg wohlwollend und zugleich konsequent begleiten. Grundschullehrerinnen und Grundschullehrer sind hier gut ausgebildet und in der Lage, selbst über geeignete Methoden und Konzepte zu reflektieren und zu entscheiden.